„Nein, ich will das nicht!“

„Die Oma hat dich doch so lieb, nun gib ihr schon einen Kuss.“ „Du ziehst den Pullover jetzt an. So sehr kann der gar nicht kratzen.“ „Wenn Du dein Essen nicht aufisst, wird morgen auch die Sonne nicht scheinen.“

Kleine Kinder sind süß. Doch ihre Pausbäckchen und kleinen Finger, die großen unschuldigen Augen und die zerzauste Frisur auf dem wohlduftenden Kopf, rufen in manchen von uns nicht nur den Beschützerinstinkt hervor, sondern lassen auch glauben, dass diese kleinen Wesen kein Mitspracherecht haben können – Wie denn auch? In den paar Jahren, die sie bisher auf der Welt herumtollen, können sie überhaupt keine wichtigen Erfahrungen gesammelt haben.

Natürlich stimmt das nicht. Kinder wissen sehr wohl um das, was sie wollen und was nicht. Es steht außer Frage, dass es unsere Pflicht ist, sie vor Gefahren zu beschützen und in ihrem Sinne zu handeln, doch grundlegend können wir davon ausgehen, dass Kinder ihre Bedürfnisse sehr gut kennen. Um diese Bedürfnisse zu erfüllen, braucht es Erwachsene, die ihre Kinder in ihrem Wollen unterstützen. Erwachsene, die ihre Sprösslinge bestärken, zu ihren Gefühlen und Wünschen zu stehen. Was es nicht braucht, sind Erwachsene, die ihre Kinder hemmen, in denen sie ihre Sorgen und Nöte als Nichtigkeiten ansehen oder gar überhören.

Mich beschäftigt dieses Thema schon sehr lange. Zuhause haben wir einen kleinen Wirbelwind, dessen drittes Wort, nach Mama und Papa, Nein war. Und, rückblickend betrachtet, haben wir dieses Wort auch öfter gehört, als jedes andere. Das ist anstrengend. Jeden Tag auf ein Neues. Denn dieses Nein bedeutet für uns, dass wir unsere Komfortzone in regelmäßigen Abständen verlassen und unsere Prioritäten und selbst auferlegten Regeln überdenken müssen. Dies bedeutet nicht, dass unsere Tochter alles bekommt, was sie will – gewiss nicht. Auch Diskussionen stehen hier an oberster Tagesordnung. Wir reden viel, über alles. Wir erklären uns, sie erklärt sich. Wir finden Lösungen und Kompromisse.

Als wir letzte Woche mit dem Zug unterwegs waren, stellte sich das Thema „Selbstbestimmung“ erneut in den Fokus. Wir wollten gerade an unserer Station aussteigen, als meine Tochter mich fragte, ob sie den Knopf drücken dürfe, der die Tür öffnet. Das erlaubte ich ihr natürlich, weshalb ich ihren Buggy in die eine Hand und sie in die andere Hand nahm. Hinter uns standen ein paar Leute, die ebenfalls aussteigen wollten. Also drückte sie den Knopf, die Tür öffnete sich und wir wollten gerade die Stufen zum Bahnsteig aussteigen, als zwei große Männerhände meine Tochter von hinten packten und sie aus dem Zug geleiteten! Ich war perplex, wusste nicht, was ich sagen sollte. Alles was ich wollte war, meine Tochter in die Arme zu nehmen, sie festzuhalten und nie wieder loszulassen.

Ich hatte Angst und war gleichzeitig unglaublich wütend. Schnell sagte ich etwas, wie: „Sowas macht man nicht! Ungefragt ein fremdes Kind anfassen – das gibt es doch gar nicht.“ Wir stellten uns an die Seite, ich zog ihr ihre Jacke an und fragte leise, ob alles in Ordnung mit ihr sei. Das war es natürlich nicht. Sie war wütend, verwirrt und ängstlich. Und sie bat mich darum, dem „Mann zu sagen, dass er so etwas nie wieder machen darf.“ Ohne lange zu überlegen, tat ich das. Er stand ein paar Meter weiter und rauchte eine Zigarette. Da er nicht unsere Sprach sprach, versuchte ich ihm auf Englisch zu erklären, dass ich durchaus verstehe, dass er uns wahrscheinlich nur helfen wollte. Und dennoch gibt dies niemandem das Recht, ein Kind anzufassen, ohne die Einwilligung der Eltern und vor allem: des Kindes! Er entschuldigte sich halbherzig. Ob er verstand, was ich wollte, … ich weiß es nicht.

Für mich bedeutete das jedoch, dieses Thema genauer mit unserer Tochter zu erörtern. Es ist mir wichtig, dass dieses Mädchen lernt, dass ihr Nein gehört wird und sie immer das Recht hat, etwas abzulehnen – aus voller Überzeugung und mit Nachdruck. Ob das jetzt der Kuss der Oma ist, ein kratzender Pulli, ihr Mittagessen, oder ein fremder Mann, der sie ohne Vorwarnung von hinten anfasst. Nicht jede Situation nimmt so ein glimpfliches Ende. Deshalb ist es unsere Aufgabe, unsere Kinder in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken. Es ist unsere Aufgabe, dass das Nein nicht irgendwann verstummt – wir müssen unseren Kindern helfen, diesen vier Buchstaben eine Bedeutung zu geben, die jeder unmissverständlich versteht!

Im Internet und Buchhandel gibt es eine Vielzahl an Büchern für Kinder jeden Alters, die diese Thematik, und alles um sie herum, aufgreifen – sucht euch eines zusammen aus und geht den Inhalt gemeinsam durch. Viele Kitas und Schulen bieten zudem Selbstverteidigungskurse an – macht davon Gebrauch. Und zu guter Letzt: Lasst uns zuhören. Wenn unsere Kinder von uns gehört werden, dann ist das die beste Grundlage für eine selbstbewusste Seele.

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